Namensgeber

Seit unserer Namensgebungsfeier am 22.6.1996 trägt unsere Schule offiziell den Namen "Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule" und ist damit eine Verbindung eingegangen, die Auswirkungen auf unsere Arbeit hat und haben wird.
1. Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule:
Ein Name ist Programm
elternhaus Wir haben uns zusammen mit unseren Schülerinnen und Schülern Gedanken gemacht, wie wir den Namen unserer Schule kreativ für unser Schulkonzept nutzen können - ein Konzept, in dem die Bereiche "Darstellen und Gestalten" einen wichtigen Platz haben sollen. Neben anderen künstlerischen Ausdrucksformen ist es unser Ziel, die Ideen des Wertheraner Malers Peter August Böckstiegel für unsere Schulgemeinschaft mit Leben zu füllen.

Ein erster Schritt war die Vereinbarung, dass jeweils jedem neuen fünften Jahrgang ein Bild des Malers gewidmet wird. Aus dem jeweiligen Bild wählt jede Klasse eine Farbe aus, die bis zum Ende der 10. Klasse "Klassenfarbe" sein wird. So sind unsere Klassen nicht in a, b, c, d eingeteilt, sondern tragen Namen wie SAPHIR, MANDARIN, SONNE etc. Ein weiterer Schritt ergibt sich aus unserer Projektarbeit. Bereits im 1. Schulhalbjahr des Schuljahres 1995/96 beschäftigten sich Schüler und Schülerinnen mit der Verschönerung und Gestaltung ihrer Klassenräume sowie des Flurs - ein Projekt, bei dem einige Werke Peter August Böckstiegels Grundlage waren. Jeweils mehrere Kinder haben versucht, diese Bilder nachzuempfinden, und so sind z. B. für einen Flur in Werther 11 großformatige Bilder entstanden. Wir möchten auch weiterhin die Verbindung zwischen uns und unserem Namensgeber gestalterisch ausbauen und hoffen auf Ideen und Anregungen aller am Schulleben Beteiligten.

(LAK)
2. Lebenslauf des Malers Peter August Böckstiegel

selbstbildnis 7. April 1889 Geburt im Elternhaus in Arrode bei Werther. Die Eltern, Friedrich Wilhelm Böckstiegel und Friederike geb. Siekmann, sind Kleinbauern und Leineweber.
1895-1903 Schulbesuch in Werther. Früh wird eine künstlerische Begabung sichtbar.
1903 Am 15. April Beginn einer Malerlehre bei Malermeister F.Rottmann in Bielefeld. In der Fachhochschule der Malerinnung begegnet er Ludwig Godewols, der dort Lehrer für dekoratives Malen, Ornamentschattierungen sowie Zeichnen und Malen nach der Natur ist.
1907 In Bielefeld wird die Handwerker- und Kunstgewerbeschule gegründet. Godewols ist dort Lehrer, und Böckstiegel wird bis 1913 sein Schüler.
1913 Im Wintersemester Beginn des Studiums an der Königlich Sächsischen Akademie der Bildenen Künste in Dresden.
1915 Am 2. Januar beginnt Böckstiegel seinen Kriegsdienst als Landsturmmann im schlesischen Märzdorf bei Breslau. Er erhält die Möglichkeit, nebenher künstlerisch zu arbeiten.
1919 Im Januar wird in Dresden die Künstlerische Sezession Gruppe 1919 gegründet von Felixmüller, Otto Schubert, Heckrott, Constantin von Mitschke-Collande, Otto Dix, Hugo Zehnder, Lasar Segall. Im März kehrt Böckstiegel mit einem englischen Truppentransport nach Dresden zurück und nimmt sofort am künstlerischen Leben der Gruppe 1919 teil. Ende 1919 verlässt er zusammen mit Felixmüller bereits wieder die Gruppe. Am 5. Juli heiratet er Hanna Müller. In den folgenden Jahren arbeitet Böckstiegel im Sommer jeweils in Arrode, im Winter entstehen in Dresden vor allem Holzschnitte und Radierungen.
1920 Geburt der Tochter Sonja.
1925 Geburt des Sohnes Vincent.
1934 Im April wird Böckstiegels Gemälde"Bauernkind mit Äpfel" (1919) aus der Dresdner Gemäldegalerie abgehängt. Bald folgen die Entfernungen anderer seiner Werke aus deutschen Museen. P.O.Rave (Kunstdiktatur im Dritten Reich, Hamburg 1962) spricht von 91 beschlagnahmten Werken Böckstiegels.
1945 Am 13./14. Februar, während der Bombadierung Dresdens, wird auch Böckstiegels Atelier am Antonsplatz 1 bis auf die Grundmauern mit allen Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen, Druckstöcken und Radierungsplatten zerstört. Nach der Zerstörung Dresdens nimmt Böckstiegel seinen dauernden Wohnsitz in Arrode. Im Herbst ergänzt er sein Elternhaus durch einen Ateliertrakt. Er wird 1. Vorsitzender der "Westfälischen Sezession 1945".
1951 Am 22. März stirbt Peter August Böckstiegel in Arrode.

© P.A.Böckstiegel Freundeskreis

3. Vita von Wedel: Leben und Werk von Peter August Böckstiegel

a) Herkunft und erste Bilder
b) Studium in Dresden
c) Soldat im Weltkrieg
d) Kriegsende und ein neuer Anfang
e) Auf dem künstlerischen Zenit: Die Zwanzigerjahre
f) Umbruch und Drittes Reich: die Dreißigerjahre
g) Bedrohung und Zerstörung: der Zweite Weltkrieg
h) Kriegsende: Trauma und Aufleuchten

a) Herkunft und erste Bilder

„Dicht zusammengedrängt in der abendlichen Stubenecke mit Katze und Hund saßen Anne, Marie, Heinrich am Herbstabend des Jahres 1888, als die Mutter sagte: „Kinder, nun wird die Stube gleich warm werden, der Ofen wird gleich aufgestellt.“ Der Umzug nach Arrode war vollzogen, der Wind schüttelte den Eichenwald, dass die herbstlichen Blätter wie eine farbige Abendwolke aufwirbelten, die rote Erde duftete nach Kartoffelfeuer, der bläuliche Rauch trieb über die Erde. … Mein Vater und Großvater trieben zwei Kühe und vier Schweine den Stallungen zu. Der Schein der Petroleum-Lampe ließ große, weite Menschen- und Tierschatten an den weiß gekalkten Wänden, die oft mitten über der niedrigen Balkendecke geisterhaft tief und dunkelblau-violett dahinhuschten, kommen und gehen.“ (P.A.Böckstiegel: Aus meinem Leben. In: Das Peter August Böckstiegel-Haus. Münster 1989, Seite107).
Mit diesen Worten aus seinen fragmenthaften Erinnerungen „Aus meinem Leben“ bereitet Böckstiegel in seinem charakteristischen erdigen Stil gewissermaßen die Bühne für seinen Eintritt in die Welt: Er wurde erst einige Monate nach dieser fiktiven Elternhausszene, im April 1889, geboren. Diese Lebensbühne, das bäuerliche Umfeld des bescheidenen westfälischen Neubauernhauses in Arrode im Teutoburger Wald, wird Böckstiegel bis zu seinem Tod nicht mehr loslassen. So eng und eingeschränkt diese heimatliche Welt erscheinen mag und sie sicher auch war, für Böckstiegel wird sie zum Synonym für Menschlichkeit. Hier malt er sich sein Welt-Bild. Das von harter körperlicher Arbeit und pragmatischer Kargheit geprägte bäuerliche Zuhause bot ihm keinerlei künstlerisches Anschauungsmaterial, keine Bilder oder Gemälde, und kein Buch außer der Bibel. Die Bilder entstanden im Kopf, beim Vorlesen von biblischen Geschichten, wie Böckstiegel es selber erinnert. Der Wunsch, selber Bilder zu gestalten, war schon früh vorhanden – die ersten Zeichnungen von biblischen Szenen und vom Elternhaus malte er auf seine Schul-Schiefertafel. Im Jahr 1903 beginnt er eine Malerlehre bei einem Bielefelder Malermeister, eine sorgfältige handwerkliche Ausbildung, die auch Malen und Zeichnen nach der Natur beinhaltet und die ihn, nach Bestehen der Gesellenprüfung im Jahr 1907, zur Fortsetzung seiner Lehrjahre auf die soeben gegründete Bielefelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule bringt. Sein ungewöhnliches Talent bleibt auch seinem Lehrer Godewols nicht verborgen, der ihn im Jahr 1909 mit ins Hagener Folkwang-Museum nimmt. „Alles war ein Singen und Brennen. Es war ein Tag größter Offenbarung“, beschreibt Böckstiegel diese erste Konfrontation mit Bildern von Gauguin, Feuerbach, Manet, Rodin, Cézanne, van Gogh und anderen. Leider sind keine Bilder erhalten, die als unmittelbares Echo auf diese Begegnung entstanden sind. Erste datierte Bilder stammen aus dem Jahr 1910, und schon hier konzentriert sich Böckstiegel ganz auf die heimatliche Umgebung.

(...) Die Zeichnungen und Aquarelle dieser Zeit sind noch kleinformatige Gelegenheitsskizzen, die jedoch schon Auswirkungen auf die sorgfältig komponierten Porträts haben. Das Bauernkind aus Arrode ist ein Ausdruck von Böckstiegels selbstbewusster gestalterischer Souveränität: In ungemischten Farben kontrastieren das leuchtende Gelb und das satte Rot, in gelungener Überwindung von jenem Naturalismus, auf den an der Kunstgewerbeschule noch größter Wert gelegt wird. Böckstiegel malt zu dieser Zeit gezwungenermaßen zweigleisig: In der Schule entstehen akademische Zeichnungen mit klassischen Schattierungen und Verwischungen, für sich selber hat er jedoch seinen ganz eigenen Stil bereits im Visier. Im Jahr 1912 besucht Böckstiegel – wiederum mit seinem Lehrer Godewols und einigen Mitschülern – die legendäre SonderbundAusstellung in Köln, wo ihn besonders van Gogh nachhaltig beeindruckt: „Ein Orkan von unerhörter Macht und Fülle künstlerischer und geistiger Formung durchschauerte mich, trieb mich wieder nach Arrode zur Arbeit.“ Die Bilder, die danach entstehen, wirken koordinierter, ausgewogener und enthalten deutliche Echos auf van Gogh, wie in den Blühenden Bäumen.

b) Studium in Dresden

Im Wintersemester 1913 beginnt Böckstiegel sein Studium an der Königlich Sächsischen Akademie in Dresden, wohin er durch seinen Lehrer Max Wrba vermittelt worden war. In Dresden reizt das Neue: die Großstadt, die Begegnung mit dem vielfältigen Kulturangebot und vor allem das Wissen, hier an der Quelle der Moderne, des Brücke-Expressionismus zu sein. Conrad Felixmüller, sein Mitschüler an der Akademie und späterer Schwager, beschreibt Böckstiegels unbekümmertes Auftreten, das „ ... eine echte Sensation in den fast müden Studierbetrieb brachte. (...) Grundierte sofort seine Studie nach einem Modell Alter Musiker im schwarzen Gehrock auf rosa Hintergrund – zum Entsetzen aller – mit reinen, selbstbereiteten Leimfarben vor, um ebenso keck, mit reinen Farben den Mann, seine zitronengelb schmetternde Trompete und seinen tiefschwarzen Rock in breiten Strichen hinzusetzen.“ (Conrad Felixmüller: Peter August Böckstiegel. In: Ein Nachruf, 1954). Böckstiegel selber ist von der Akademie künstlerisch enttäuscht, er vermisst das „jugendliche Brennen der Brücke-Maler“ und sucht sich weiterhin seine eigenen Themen. Eines der eindrucksvollsten Porträts dieser Zeit ist das Bildnis seines Freundes Conrad Felixmüller, das ihn selbstbewusst und breitbeinig vor einem wild wuchernden Tapetenmuster zeigt.

Zusammen mit einigen Kommilitonen zieht Böckstiegel im Sommer 1914 nach Goppeln bei Dresden, um dort Freilichtmalerei zu treiben. Es entstehen zahlreiche Akte und Landschaften, Stile werden ausprobiert und wieder verworfen. Böckstiegel versucht sich unter anderem im geometrischen Kubismus, aber findet bald wieder zu seinem pastosen Malstil zurück. Ein Pfingstrosenstrauß auf einem Stuhl ist eine deutliche Reminiszenz an van Gogh: Er erinnert an die rohen Holzstühle van Goghs, an den ersten, auf dem des Künstlers eigene Pfeife und Tabaksbeutel liegen, und an den zweiten, den Stuhl Gauguins in Arles, auf dem seine Bücher liegen, daneben eine wie zum Gedenken angezündete Kerze. Böckstiegels üppig blühende Pfingstrosen wirken wie eine Hommage an van Gogh.

c) Soldat im Weltkrieg

Der Spätsommer 1914 bringt den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Böckstiegel von Beginn an mit Entsetzen erfüllt. Er kann den Kriegsenthusiasmus seiner Zeitgenossen nicht teilen, er fürchtet nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gewalt und Zerstörung, die der Krieg mit sich bringen wird. Am ersten Januartag 1915, einen Tag bevor er eingezogen wird, malt er den monumentalen Abschied: zusammen mit seiner Verlobten Hanna Müller lässt er ihre und die eigenen Konturen zu einer einzigen verschmelzen, wie in Abwehrhaltung gegen das, was kommt. Seine einzigen Waffen gegen die rotgelb brennende Welt um sie herum sind die Pinsel: mit ihnen will er die Zukunft bestreiten, nicht mit Waffengewalt.

Die Ausbildung zum Landsturmmann erfolgt im schlesischen Märzdorf, wo Böckstiegel die Gelegenheit erhält, weiterhin künstlerisch zu arbeiten. Obwohl einige wichtige Ölgemälde entstehen, wird doch zunehmend das kleinere und schnellere Aquarell zum Hauptträger der Farbe. Die Themen bleiben ihm erhalten: in Märzdorf malt er – wie in Arrode – Bauernkinder, vom Regen aufgeweichte Dorfstraßen und Porträts. Das Erleben der Weite der russischen Landschaft, die er in den Jahren 1916 bis 1919 kennen lernt, führt nicht – wie bei vielen anderen Künstlern, etwa bei Ernst Barlach – zu einer völligen Neuorientierung seines Stiles. In Mensch und Landschaft sieht Böckstiegel weiterhin das Verbindende, universell Gültige. Eine bemerkenswerte Ausnahme sind einige Landschaftsaquarelle aus den Jahren 1917/18, in denen er die weite russische Steppe in wogende, horizontale Strichlagen auflöst. Eine zufällig notierte kleine Begegnung mit Reitern in der Steppe, die er in einem kleinformatigen Aquarell festhält, verarbeitet er wenig später in ein großes Ölbild: Die Reiter werden monumental in den Bildvordergrund gerückt, die Landschaft auf eine große Ebene erweitert. In leuchtenden Blau- und Grüntönen lässt er die Reiter mit gesenkten Köpfen weniger siegreich als in sich gekehrt einem ungewissen Ziel entgegenstreben. Das Ende des Krieges zieht sich für Böckstiegel hin: Erst im April 1919 gelingt es, mit einem englischen Truppentransport von Nikolajew am Schwarzen Meer aus nach Deutschland zu kommen. Die leuchtenden Aquarelle, die dort und am Mittelmeer entstehen, sind die einzigen Erfahrungen Böckstiegels mit dem Licht des Südens. Sie wirken wie die Loslösung vom Albdruck des Krieges und wie ein Aufbruch in einen künstlerischen Neubeginn.

d) Kriegsende und ein neuer Anfang

Der politische und künstlerische Aufbrach in Dresden hatte schon vor Böckstiegels Heimkehr begonnen: Die Niederlage des Kaiserreichs und die Ausrufung der Republik durch die Arbeiter- und Soldatenräte beflügelten eine ganz neue, hauptsächlich politisch motivierte Kunst. Conrad Felixmüller hatte zusammen mit Otto Dix, Otto Schubert, Heckrott, Constantin von Milschke-Collande, Hugo Zehnder, und Lasar Segall die „Dresdner Sezession Gruppe 1919“ unter dem Motto „Wahrheit – Brüderlichkeit – Kunst“ ins Leben gerufen. „Die Gründung der Sezession „Gruppe 1919“ ist eine natürliche Folge des in uns längst mit innerer Notwendigkeit erwachten Dranges, von alten Mitteln und Wegen endgültig Abschied zu nehmen, unter vollkommener Wahrung der Freiheit der Persönlichkeit, neuen Ausdruck für diese und die uns umgebende Welt zu suchen und zu finden“, heißt es im Statut der Gruppe. Die gemeinsam erlebte Aufbruchsstimmung hat eine auffällige Angleichung des Gruppenstils zur Folge, beeinflusst vom synthetischen Kubismus der russischen Avantgarde, die eine Zerschlagung und Zersplitterung der überkommenen Werte suggeriert. Böckstiegel verarbeitet einige Kriegserinnerungen in kantigen Holzschnitten, kehrt aber schnell in seine eigene Thematik zurück. Kubistische Anklänge sind noch im monumentalen Gemälde Meine Eltern von 1919 zu spüren, das – ausgehend von einem kleineren Aquarell – kurz nach seiner Heimkehr nach Arrode entsteht.

Im selben Sommer heiratet er Hanna Müller, und gemeinsam nehmen sie den Jahresrhytmus auf, der für die kommenden Jahre bestimmend sein wird: Im Sommer malt Böckstiegel seine großformatigen farbleuchtenden Gemälde in Arrode, im Winter entstehen in Dresden vor allem Holzschnitte und Radierungen nach den im Sommer erarbeiteten Themen. Zusammen mit Felixmüller und Schubert verlässt Böckstiegel bereits im Winter 1919 die Sezession. Für seinen ganz eigenen künstlerischen Weg sind die politischen Diskussionen und Ziele der Gruppe ohne Belang. Der trockene, kantige Gruppenstil hinterlässt noch einige stark individualisierte Spuren in Böckstiegels Bildern – wie im Selbstbildnis mit Mutter, dem Gemälde Dornberg und dem Aquarell Hanna und Sonja, das nach der Geburt der Tochter im Februar 1920 entsteht. Bald jedoch wird der Strich pastoser und saftiger, die Farben gewinnen – vor allem auch in den Aquarellen – an Leuchtkraft.

e) Auf dem künstlerischen Zenit: Die Zwanzigerjahre

Die Zwanzigerjahre werden zu einem Höhepunkt in Böckstiegels Schaffen. In Arrode erarbeitet er sich endgültig seinen thematischen Kosmos: Die Eltern, die Familie und die Nachbarbauern werden – pars pro toto – zu Sinnbildern des Menschen, Arrode zum Bild der Welt. Böckstiegel sieht sich durchaus in der Tradition von Courbet und Millet, auch von van Gogh, die im 19. Jahrhundert im thematischen Rückzug aufs Land Ursprünglichkeit und gelebte Einfachheit suchten und in ihren Bildern propagierten. Dieses „Zurück-zur-Natur“ hatte stark idealisierende Züge, bei Millet auch verknüpft mit höchst politischen Reformvorstellungen. Er sieht das Land als Ort der Utopie, er stellt die Bauern in symbolhaft ursprünglicher Tätigkeit dar. Auch Böckstiegel will den Bauern, wie er sagt, „ein Denkmal setzen“. Anders als seine historischen Vorbilder neigt er jedoch nicht zur Idyllisierung des Landlebens. Seine ungebrochen enge Verbindung zu Land und Leuten lässt sie nicht zu Objekten der Analyse oder Romantisierung werden. In der Fülle von Aquarellen und Zeichnungen der Zwanzigerjahre sammelt er einen Fundus an Porträts und Figuren, in Skizzenserien erarbeitet er sich Studien zu Körpersprache und Gestik, die gleichzeitig und noch auf Jahre hinaus Eingang in Gemälde und Druckgraphiken finden. Dabei geht es ihm immer auch um neue Bildfindungen bei der Darstellung von bäuerlichen Arbeitsvorgängen. Die Abgrenzung zu den Vorbildern ist nicht immer leicht: „Das Gemälde Schweineschlachten von Millet hat auf mich einen großen Eindruck gemacht, ich sah es noch nie im Original, aber geträumt habe ich es ganz klar und wahr, da ist alles so echt und bäuerlich groß. So wollte ich auch mal einen Bauern beim Kornwennen malen, Tage später kam mir das Buch von Millet in die Hand, da sah ich auch den Wenner; schnell stellte ich die Leinwand in die Ecke. So begegnen sich Bildthemen von ganz allein. Als eigenwilliger persönlicher Mensch will man einmaliges schaffen.“ (P.A.Böckstiegel: Aus meinem Leben, a.a.O., Seite 109).

Das „Einmalige“ sucht er unter anderem in den individuellen Zügen der Familienmitglieder. Vor allem die Schwester seiner Mutter, Tante König, die bei der Arbeit mit der Heuforke ein Auge verlor, beobachtet und malt er noch im Schlaf: „Wie oft zeichnete und malte ich sie im Scheine der Petroleumlampe bis spät in die Nacht, wo sie im Schlafe versunken in der Ofenecke kauerte. In Blitzesschnelle flössen die Linien und Pinselstriche. Oft saß ich noch ganz allein mit der Arbeit, plötzlich durch einen Traumschrei erwachend. Aus diesen klar veranschaulichten Lebensweisheiten sprang auch ein Schaffensfunke in meine Arbeit.“ Neben den Porträts entstehen während der Zwanzigerjahre eine Fülle von Blumenstillleben, oft auch kombiniert mit Porträts. Bevorzugt malt er Sonnenblumen und anderes aus den Bauerngärten der Nachbarschaft. Bis auf eine einzige Ausnahme – ein Strauß Sonnenblumen mit einer Katze rechts daneben – fehlen die Stillleben in den Aquarellen völlig. Die Aquarelle, als schnelleres und spontaneres Medium, sind in den Zwanzigerjahren fast ausschließlich dem Porträt vorbehalten. Ab den späten Zwanzigerjahren entstehen kaum noch Aquarelle. Zeitgleich lässt auch die Produktion von Ölgemälden nach. Böckstiegel scheint sich zunehmend auf die stillere Schwarzweiß-Zeichnung zu konzentrieren. Die künstlerische Spontaneiät und die Lust an der Farbe leidet, wie parallel auch das tägliche Leben, unter den erschwerten politischen und wirtschaftlichen Bedingungen während der Zwanzigerjahre. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, in den gemalten Bildern eine farbenfrohe, lebenssatte Welt zu zeigen, während gleichzeitig die Inflation Geldnöte bringt und die politische Situation immer bedrohlicher und undurchschaubarer wird. Wie ein Echo auf die äußere politische Spannung verlieren Böckstiegels Aquarelle an Farbe und Leuchtkraft und verwandeln sich in gedämpfte Pastelltöne. In den Gemälden verfestigen sich die Formen zu einem detailreicheren Realismus.

f) Umbruch und Drittes Reich: die Dreißigerjahre

Im Jahr 1929 stirbt Böckstiegels Mutter, im Jahr 1931 der Vater. Der Tod der Eltern erschüttert Böckstiegel tief. Wieder wird der enge Zusammenhang zwischen dem Menschen Böckstiegel und seinem Werk deutlich: Mit dem menschlichen Verlust verbindet sich auch der Verlust der wichtigsten Motive. Er beginnt, aus dem Skizzenfundus der Zwanzigerjahre zu schöpfen und vor allem in Lithographien und Holzschnitten der frühen Dreißigerjahre die Figuren der Eltern immer wieder einzubringen. Die politische Umwälzung durch die Reichstagswahl 1932 und die Machtergreifung Hitlers hat Böckstiegel, wie viele seiner Zeitgenossen, nicht recht ernst genommen. Im Februar 1933 schreibt er aus Dresden an seinen Freund Rudolf Feldmann in Bielefeld: „Von den 12 Millionen Hitler-Wählermassen werden 3/4 ganz bestimmt enttäuscht sein und dem schönen Adolf wieder davonrennen. Die Herde suchte jahrelang einen Weideplatz mit dem Führer, dem Schäfer, die Schafherde hat ihn nun gefunden.“ Am 23. März 1933 schreibt er an Rudolf Feldmann: „Es scheint so zu sein, die Menschen wollen nur Massenmensch sein, jeder freiheitliche Gedanke, jedes Wort, was fällt, wird umgedreht und keiner will den anderen verstehen. Aus Freundschaft macht das Untertanengefühl Feindschaft. In meinem Bekanntenkreis sind wir auch schon hart aufeinandergestoßen. Das Menschliche, Seelenvolle will keiner verstehen, national völkisch schreit die Masse. ... Der wahrhaft schaffende Mensch wird ewig Scholle und und Volk verbunden sein. Ihre und meine Arbeit spiegelt es ganz deutlich. Wir haben es nicht nötig, eine Schaffensumstellung zum Scheine vorzunehmen.“ Die „Schaffensumstellung zum Schein“, die Böckstiegel bei einigen seiner Malerkollegen in dieser Zeit beobachtet, will er für sich selber nicht akzeptieren. Die Abneigung der Nationalsozialisten gegen jede künstlerische Avantgarde und „undeutsche“ Abstraktion bezieht Böckstiegel zunächst noch nicht auf sein eigenes Werk. Wie viele seiner Kollegen hofft er trotz seiner Abneigung gegen die neue politische Bewegung, dass es für seine bäuerliche Thematik eine Art „Marktlücke“ geben könnte. Nur wenige Wochen später, im April 1933, wird jedoch ein erstes Werk Böckstiegels. das Gemälde Stillleben mit Kopf von 1920, in der Dresdner Gemäldegalerie abgehängt und später beschlagnahmt. Böckstiegels Einordnung in die offizielle Kulturpolitik ist alles andere als eindeutig. Während auch in Bielefeld, Nürnberg und vielen anderen Museen seine Bilder abgehängt und beschlagnahmt werden, erhält er ab 1934 alljährlich Aufforderungen, Bilder zur Grünen Woche in Berlin einzuliefern, die dann allerdings ebenso regelmäßig kurz vor Ausstellungseröffnung wieder an ihn zurückgesandt werden. Im Jahr 1939 wird er eingeladen, als schaffender Künstler an einer „Kraft-durch-Freude“-Kreuzfahrt durch die norwegischen Fjorde teilzunehmen. Gemeinsam mit seiner Frau Hanna nimmt er die Gelegenheit wahr und kehrt voller neuer Eindrücke zurück.

Erst wenige Jahre zuvor hat Böckstiegel für sich die Pastell-Technik entdeckt – nun verarbeitet er die spektakulären Fjord-Landschaften in strahlenden Pastell-Blautönen. Wenige Monate später bereist er die Sächsische Schweiz nahe bei Dresden und malt eine Reihe von Pastellen in dieser faszinierend anthropomorphen Landschaft. Während er die Erntefelder im heimatlichen Westfalen zunehmend nur noch mit der Rohrfeder und wie von einem distanzierten, erhöhten Standpunkt aus zeichnet, rücken ihm die neu entdeckten Landschaften Norwegens und des Elbsandsteingebirges in satten, unverriebenen Pastelltönen näher.

g) Bedrohung und Zerstörung: der Zweite Weltkrieg

Je näher die Bedrohung der Heimat durch den Krieg rückt, desto mehr konzentriert sich Böckstiegel jedoch wieder auf die westfälischen Felder, die in seinen Zeichnungen völlig menschenleer geworden sind, und im Gemälde auf Blumenstillleben. Die Formulierungen, mit denen er nun in Briefen seine Bilder beschreibt, legen eine Veränderung im Stilwillen nahe. So schreibt er über das Kartoffelstillleben von 1935: „Alles ist ganz bestimmt und knapp im Raum gehalten, trotz der harmonischen Farbhaltung eine große plastische Fülle der Gegenstände.“ (Böckstiegel in einem Brief aus Dresden vom 20.2.1937 an Rudolf Feldmann in Bielefeld). Immer häufiger tauchen die Attribute „groß, klar und ruhig“ auf.

So wie er während des Ersten Weltkrieges darauf verzichtet hatte, Leiden und Zerstörung in seinen Menschenbildern anzudeuten, verzichtet Böckstiegel nun darauf, verletzte Landschaften zu zeichnen. In einem Brief an Walter Protze im Sommer 1941 beschreibt er wie jede Nacht auch auf die Felder zwischen Bielefeld und Arrode die Bomben fallen. Die Erntefelder, die er tagsüber in dieser Landschaft zeichnet, sind immer unversehrt. Häufig scheint über ihnen eine strahlende Sonne.

Bei der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erhält Böckstiegels Atelier am Antonsplatz einen Volltreffer und wird völlig zerstört, zusammen mit einem nicht mehr bezifferbaren großen Teil seines Werkes. Die Zerstörung der Stadt und seines Œuvres und später der Diebstahl und die Plünderung von acht Koffern, in denen er Zeichnungen und Aquarelle von Dresden nach Arrode transportieren wollte, lassen Böckstiegels Lebensmut schwinden.


h) Kriegsende: Trauma und Aufleuchten

Erst zwei Jahre nach Kriegsende entstehen wieder Menschenbilder, dieses Mal ist es eine lange Folge von erschütternden Flüchtlingsporträts. Als Modelle verwendet Böckstiegel immer wieder zwei Menschen: eine Frau – Anna Töppich, die mit ihrer Familie aus Schlesien floh und in einem Flüchtlingslager bei Werther untergekommen war – und den „Alten Tiede“. einen „Tippelbruder“, der sich während der kalten Monate gern in Böckstiegels Atelier aufhielt. Gleichzeitig mit den Einzelporträts entstehen – wie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren –Gruppenporträts, die aus den Einzelbildern zusammengesetzt sind. So taucht im Pastell Flüchtlingsfrauen die Schlesierin Anna Töppich gleich dreimal nebeneinander auf. Ähnlich wie in den Zwanzigerjahren die Familienmitglieder, werden die entwurzelten Menschen in Böckstiegels Bildern zu Stellvertretern für einen umfassenderen Zusammenhang. Die eminent politischen Flüchtlingsbilder sind eine Facettierung und gleichzeitig Bündelung des Kollektivschicksals – eine Stumme Anklage, wie der Titel vieler der Flüchtlingsbilder lautet.

Der neue, nahe Blick auf die Menschen seiner Umgebung bringt Böckstiegel auch die Landschaft wieder näher. In einigen transparenten Aquarellen von Stillleben überwindet er gegen Ende der Vierzigerjahre die „nature morte“ und wendet sich wieder nach draußen. Das brauntonige Aquarellmotiv einer Landschaft mit Weiden an einem Tümpel setzt er 1949 in ein leuchtend sonniges Gemälde um. Ähnlich ausführlich beschäftigt ihn ein Blick aus dem erst kurz zuvor an das Arroder Haus angebauten Ateliertrakt: Buchen mit den dahinterliegenden Feldern und Bauernhäusern. Einige Skizzen und ein dunkel leuchtendes Pastell führen zum großen Gemälde Blick aus dem Atelierfenster. Noch einmal leuchtet Böckstiegels Lebensmut und Gestaltungswille auf, bevor ein Herzschlag am 22. März 1951 seinem Leben ein Ende setzt.

© P.A.Böckstiegel Freundeskreis



02/2003

Aktualisiert (Montag, den 01. Juni 2009 um 19:03 Uhr)

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