Trauerrede
Liebe Ela, liebe Familie Lakeberg, liebe Angehörige,
im Februar dieses Jahres erreichte uns eine Grußbotschaft von Werner, die er vom Krankenbett aus an das Kollegium gerichtet hatte. Darin heißt es unter anderem: „Ich bin in Gedanken täglich bei euch und würde euch so gern bei der Arbeit unterstützen.“ Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf die Zeichnung „Zikadenflug“ von Friedensreich Hundertwasser: „Wie schön wäre es, mit diesem kleinen Drachen davonzufliegen und Krankheit, schlimme Gedanken und das Gefühl nichtsnutziger Untätigkeit hinter sich zu lassen. Die Idee ist zu verlockend und zu einfach!“
Er hat leider Recht behalten. Er, der sich bis zuletzt heftig gegen sie wehrte, hat den Kampf gegen die brutale Krankheit verloren. Und wir, die wir glaubten, uns auf das Schlimmste vorbereiten zu können, müssen feststellen, dass dies eben nur in engen Grenzen geht. Wir können uns noch nicht damit abfinden, dass Werner nicht nur in der Schule fehlt, sondern nicht mehr lebt. Wir sperren uns gegen den Gedanken, ihn nie mehr wiederzusehen. Dass er uns mit sechzig Jahren verlassen musste, ist so ungerecht und es ist unfassbar.
Mit Werner Lakeberg verliert die Schulgemeinschaft der Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule ihren Gründungs-Schulleiter. Sie verliert eine herausragende Persönlichkeit, hoch respektiert und, nicht nur hinsichtlich ihrer professionellen Kompetenzen, über die Schulgrenzen hinaus über die Maßen geschätzt. Werner Lakeberg verkörperte Professionalität im besten Sinne des Wortes. Beseelt von der Überzeugung, dass das pädagogische Konzept der Gesamtschule allen Kindern die besten Entwicklungs- und Zukunftschancen ermöglicht, hat er den pädagogischen Geist unserer Schule nachhaltig geprägt. Er war als Schulleiter eine Führungspersönlichkeit, die alle Facetten dessen, was akzeptierte Führung ausmacht, auf sich vereinigt hat. Nicht Funktionär, sondern Visionär. Intellektuell und rhetorisch brillant, mit einer ausgewiesenen und umfassenden Fach- und Sachkompetenz ausgestattet, praktizierte er einen demokratischen Führungsstil, der in vielerlei Hinsicht vorbildhaft war: klar in der Rolle und in der Sache, authentisch, berechenbar, konsequent, dabei immer auch empathisch. Unnachgiebig bis hart, wenn er von einer Sache überzeugt war, aber auch immer bereit, andere Ideen und Ansichten nicht nur zu respektieren, sondern auch souverän genug, sich von plausiblen Gegenargumenten überzeugen zu lassen. Und wenn es ihm und uns nicht gelang, das Kollegium von einer Sache zu überzeugen, respektierte er dies und war, auch darin souverän, ein fairer Verlierer. „Gegen das Kollegium kann man nicht arbeiten“, so Werner. Meisterhaft bewältigte er schwierige Situationen in allen schulischen Gremien. Er ließ Kritik nicht nur zu, sondern forderte sie ausdrücklich ein. Innovationsfreudig und engagiert formte er mit seinem Kollegium eine Schule, die in der Region und darüber hinaus einen guten Ruf genießt. Er hatte nicht nur konkrete Vorstellungen von gutem Unterricht, sondern wusste auch als Fachlehrer zu überzeugen. Sein letzter Pädagogik-Leistungskurs bescheinigte im Jahrbuch, er sei, ich zitiere: „ein richtig guter Lehrer. Immer top vorbereitet, total kompetent, einfühlsam und gerecht. Er konnte auch streng sein, wenn es sein musste, und er hat viel von uns gefordert, uns gleichzeitig aber auch gefördert.“ (Zitat Ende)
Gleiches gilt für seinen Umgang mit dem Kollegium. Ja, er hat viel von uns allen gefordert. Aber nie mehr, als er selbst zu investieren bereit war. Und was er investierte, war enorm. Unsere Schule ist sein Lebenswerk, ein imposantes dazu. Was hat er sich alles zugemutet für diese Schule! Ein Zeit- und Arbeitspensum jenseits aller denkbaren Tarifverträge. Auch außerhalb der Schule, als Moderator und Trainer in der Lehrerfortbildung. Und das nicht nur vor seiner Krankheit. Es war im letzten Jahr nicht ungewöhnlich, dass er mit Schmerzen zur Schule fuhr und sich mittags mit dem Hinweis auf seine Chemotherapie am Nachmittag verabschiedete, um tags drauf wieder in die Schule zu kommen. Warum hat er das gemacht? Warum hat er buchstäblich bis zum Umfallen gearbeitet? Weil ihm diese Schule so am Herzen lag. Und deshalb hat er das gern gemacht.
Natürlich ist der Schulleiter Werner Lakeberg nicht zu trennen von dem Menschen, der eben nicht nur Schulleiter war, sondern auch Kollege, Freund, Ehemann, Vater, Sohn, Sportkamerad, Chorsänger und vieles mehr. Uns allen bleibt er auch als kluger Ratgeber in besonderer Erinnerung. Wir haben gern seinen Rat gesucht, nicht nur beruflich, nicht nur einmal. Und immer hat uns imponiert, wie sensibel und analytisch er sich in die Probleme anderer hineinversetzt hat. Seine Meinung war uns wichtig, sein Rat immer hilfreich. Vielleicht ist es auch dies, was ihn neben anderen Dingen besonders auszeichnete: sein Interesse an Menschen, die Fähigkeit, andere wichtiger zu nehmen als sich selbst. Bis zuletzt war es Werner, der von seiner schweren Krankheit gezeichnet und geschwächt war, ein Bedürfnis, Rat zu geben, wenn er gewünscht war, Hilfe anzubieten und Trost zu spenden. Anderen! Und das in seiner Situation!
Zu seiner menschlichen Wärme gesellte sich ein ausgeprägter Sinn für unterschiedliche Arten von Humor. Ein sehr feinsinniger Humor spiegelte sich unter anderem in seinen rhetorisch geschliffenen Ansprachen und Reden, auf die wir uns, auch bei sich jährlich wiederholenden Anlässen, immer gefreut haben. Wussten wir doch, dass wir immer eine neue Idee oder ein neues Thema zu erwarten hatten. Unterhaltsam verpackt und gleichermaßen tiefsinnig. Er hatte Spaß an allen möglichen Witzen. Er konnte ausgelassen sein und fröhlich, Tränen lachen, im Büro während der Arbeit singen und pfeifen und empfing einen schon mal mit: „Weißt du, worüber ich seit Tagen lache? Pass auf…“. Auf Lehrerpartys und anderen Feiern konnte er genauso leidenschaftlich tanzen wie er vorher in offizieller Funktion überzeugend eine Rede gehalten hatte.
Einmal, in einer für mich sehr schwierigen Situation, in der mir, wie so oft, seine Meinung und sein Rat wichtig waren, sagte Werner zu mir: „Du hast allen Grund, traurig zu sein. Aber das darf dich nicht lähmen. Halte dich nicht zu lange damit auf.“
Ich kann mir vorstellen, dass er uns heute Ähnliches sagen würde: „Ja, trauert um mich, behaltet mich in Erinnerung, in euren Herzen, aber lasst euch nicht lähmen von der Trauer. Ihr habt eine wichtige Aufgabe und eure Schülerinnen und Schüler, denen ihr verpflichtet seid. Also macht euch morgen wieder an die Arbeit. Und das bitte mit Freude.“
Lieber Werner, wir sind unendlich traurig. Die Rückkehr zum pädagogischen Alltag wird uns schwer fallen. Aber dennoch, sei gewiss: Der pädagogische Geist unserer Schule, den du maßgeblich geprägt hast, wird weiterleben, und damit auch ein großer Teil von dir. Dieser Gedanke wird uns eine dauerhafte Verpflichtung sein.
Aktualisiert (Mittwoch, den 04. Mai 2011 um 16:14 Uhr)


